Unibz Campus Bozen
Dr. Thorsten Gieser (Universität Koblenz)
Ein Vortrag des Studium Generale "Naturkultur", welches evaa in Zusammenarbeit mit unibz organisiert.
Der Vortrag untersucht, inwiefern die traditionelle Dichotomie von Natur und Kultur in westlichen Gesellschaften, wie sie im Naturalismus verankert ist, in Frage gestellt werden kann. Anhand des Falles eines illegal getöteten Wolfes in Treuenbrietzen/Brandenburg im September 2024 werden die affektiven Dynamiken und ontologischen Hybriditäten beleuchtet, die in den Reaktionen von Tierschützern sichtbar werden. Der Fall löste eine Welle intensiver Empörung in den sozialen Medien aus, die in organisierten Suchaktionen, nächtlichen Patrouillen und direkten Konfrontationen mit lokalen Jägern mündete. Das Ereignis wird als exemplarischer Moment der Empathie analysiert, in dem sich Natur und Kultur schmerzhaft nahekommen und die Grenzen zwischen menschlicher Gemeinschaft und Wolf verschwimmen.
Der theoretische Rahmen des Vortrags basiert auf Philippe Descolas Jenseits von Natur und Kultur. Descola betont, dass die vier ontologischen Schemata - Naturalismus, Animismus, Totemismus und Analogismus - keine festen Kategorien sind, sondern in unterschiedlichen historischen und kulturellen Kontexten als Mischformen auftreten können. Insbesondere wird diskutiert, ob die emotional-affektive Aufladung und Identifikation der Wolfschützer mit dem Wolf als Ausdruck einer totemistischen Beziehung oder als erweiterte Form eines naturalistischen Naturverständnisses interpretiert werden kann.
Insgesamt zielt der Vortrag darauf ab, das ambivalente Verhältnis von Mensch und Natur als einen dynamischen, affektiv und leiblich verankerten Prozess zu verstehen, in dem alternative Ontologien und hybride Beziehungsweisen sichtbar werden. Diese Analyse eröffnet neue Perspektiven für die Diskussion um Naturkultur und das Zusammenleben mit Wildtieren im Anthropozän.